Wenn Sonnenlicht zu Sonnenbrand führt
Es lohnt sich, in der Diskussion einen Schritt zurück zu machen. Wozu dient Transparenz? «Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel; elektrisches Licht die wirkungsvollste Polizei.» So lautet das bekannte Zitat des USamerikanischen Bundesrichters Louis Brandeis aus dem Jahr 1913. Eine ähnlich disziplinierende Rolle stellte sich der englische Philosoph Jeremy Bentham im 18. Jahrhundert vor: Er beschrieb das optimale Gefängnis, das Panoptikum, als kreisrundes Gebäude mit einem Turm in der Mitte, von dem aus der Aufseher alle Gefangenen sieht. Diese sehen aber nicht den Aufseher. Es ist ein Modell für den gläsernen Menschen, das zu Selbstdisziplin führt.
Das mögliche Abgleiten in einen totalen Überwachungsstaat ohne Privatsphäre ist offensichtlich. Sonnenlicht führt dann zu einem Sonnenbrand. Wir laden aber selbst gewissermassen ein Panoptikum in unser tägliches Leben ein, wenn wir Cookies akzeptieren, den Standortverlauf einschalten, überall Webcams installieren, über gängige und bequeme E-Mail-Software kommunizieren und KI-Abfragen machen. So werden Datenhacker zur Nebensächlichkeit.
Transparenz wird manchmal moralisch überhöht, sie ist aber kein Selbstzweck. Man muss sich vielmehr fragen, welche Art von Offenheit sinnvoll ist. Im Verhältnis zwischen Staat und Individuum sollte Transparenz staatliche Entscheidungen nachvollziehbar machen, Vertrauen in die Prozesse schaffen und für Klarheit sorgen. Transparenz soll den Bürgerinnen und Bürgern helfen, staatliches Tun besser zu verstehen und zu kontrollieren – und nicht umgekehrt. Dabei sollten Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte gewahrt werden, Datenschutz sollte gesichert sein.
Wenig hilfreiche oder gar schädliche Transparenz hingegen zeichnet sich durch überbordenden Kontrollwahn, unbrauchbare Informationsflut und Schein-Transparenz aus, mit der Offenheit nur vorgegaukelt wird. Transparenz, die nicht institutionalisiert ist, sondern durch Datenleaks erzwungen wird, unterminiert das Vertrauen in die Fähigkeit privater und staatlicher Akteure, für Privatsphäre zu sorgen. Dann herrscht Misstrauen vor. Transparenz ist eben nicht gleich Transparenz.
Gerald Hosp
Der Text ist am 21. August 2026 in «Wirtschaft regional» erschienen.
Bild: Towfiqu barbhuiya - Unsplash

