Seltene Erden und Kobalt statt Gold
Bereits die russische Grossoffensive in der Ukraine hat gezeigt, dass Erdgas und Erdöl der Stoff sind, aus dem Konflikte gemacht werden. Die beiden Kriege unterscheiden sich jedoch, wenn es um die Reaktionen an den Energiemärkten geht. Während beim Ukrainekrieg die Versorgungssicherheit und weniger die Energiewende im Vordergrund stand, drehen sich beim Iran-Krieg einige Diskussionen um die Frage, ob dadurch nicht die erneuerbaren Energien und Elektroautos einen Schub erhielten.
Mit einer verstärkten Elektrifizierung sollte auch eine vermehrte geopolitische Unabhängigkeit einhergehen. So lautet zumindest eine gängige Vorstellung. Gleichzeitig eröffnet sich, im wahrsten Sinne des Wortes, eine weitere geoökonomische Front: der Wettstreit um Metalle, die für die Energiewende notwendig sind. Zu den sogenannten kritischen Mineralien gehören seltene Erden, Kobalt, Germanium, Lithium, Mangan und Wolfram; manche zählen auch Nickel, Zink und Kupfer hinzu. Vielen dieser Mineralien ist eigen, dass China der dominierende Marktakteur ist – vor allem bei der Aufbereitung.
So stand am jüngsten G7-Gipfel, einem informellen Forum der wichtigsten westlichen Industrieländer, das Thema der Lieferkettensicherheit für solche kritischen Rohstoffe hoch oben auf der Agenda. China führte vor kurzem für einige kritische Mineralien Exportkontrollen ein, was in westlichen Ländern verstärkte Betriebsamkeit auslöste. Viele der Rohstoffe sind auch eine wichtige Grundlage für Waffen. Die G7-Länder diskutierten Allianzen und industriepolitische Kooperationen, staatliche Bergbaufinanzierungen bis hin zu Staatsbeteiligungen an Minen, Mindestpreise für gewisse Rohstoffe, um den Abbau zu stimulieren, Lagerhaltung und Recycling.
In all den geopolitischen Strategiespielen darf aber eines nicht vergessen werden: Märkte federn die Verwerfungen ab. Viele Rohstoffe eignen sich zwar als geoökonomische Waffe, diese Rohstoffe werden aber meist international gehandelt, was eine Diversifizierung erlaubt und die Waffe stumpf macht. «Die Fragmentierung der Weltmärkte und die Nutzung von Rohstoffen als Waffe sind zwei Seiten derselben Medaille», sagt Energieexperte Christof Rühl an einer Veranstaltung in Zug, einem der Rohstoffhandelszentren der Schweiz und der Welt.
Ökonomische Kriegsführung und die Massnahmen dagegen kommen mit einem Preisschild: Gegenseitiger Handel ist prinzipiell wohlstandfördernd; wird dieser eingeschränkt, verlieren die Handelspartner. Gleichzeitig möchte man nicht Opfer von Abhängigkeiten werden, wenn diese geopolitisch ausgeschlachtet werden.
In diesem Dilemma stecken auch die Schweiz und Liechtenstein, die in einer Zollunion verbunden sind. Ein Kernstück des Schutzes gegenüber Lieferunterbrüchen sind die Pflichtlager. Diese sind eine Zusammenarbeit des Staates und der Unternehmen. Finanziert werden sie durch die Privatwirtschaft, wobei der Staat günstige Darlehen und auch Steuererleichterungen anbietet. Die Unternehmen können auch Garantiefonds bilden, über die die Lagerkosten abgegolten werden. Letztlich zahlen die Konsumenten.
Die Schweiz kennt Pflichtlager für Medikamente, Lebensmittel und Erdölprodukte, die auch für Liechtenstein gelten. Die beiden Länder speichern zudem Erdgas im Ausland. Im Fall der strategischen Mineralien sind keine Pflichtlager vorgesehen. Der Schweizer Bund hat sich gegen solche ausgesprochen. Schweizer Industrieunternehmen importieren solche Metalle vorwiegend in Form von Halbfertigprodukten und Komponenten. In einer Studie des Bundes heisst es auch, dass die Unternehmen diversifiziert seien. Für die Beschaffung sind in erster Linie die Unternehmen zuständig. Dies stimmt auch für Liechtenstein.
In der jüngst veröffentlichen, luftig geschriebenen Sicherheitsstrategie des Landes nimmt die wirtschaftliche Sicherheit eine wichtige Rolle ein. Es soll eine Analyse der wirtschaftlichen Abhängigkeiten erstellt werden. Zudem soll das Netz der Aussenbeziehungen enger gewoben und eine Lanze für das regelgebundene Welthandelssystem gebrochen werden. Diversifizierung ist Trumpf. Dass keine Industriepolitik betrieben wird, ist sicherlich richtig. Gleichzeitig verbaut man sich auch Chancen.
So könnten gerade in der Schweiz und in Liechtenstein Lager für strategische Rohstoffe entstehen, die kommerziell von Kunden weltweit genutzt werden könnten; die Staaten könnten die Rahmenbedingungen dafür liefern und auch Steuererleichterungen gewähren, wenn heimische Industrieunternehmen dies nutzen. Das Know-how ist vorhanden, die Schweiz ist einer der wichtigsten Rohstoffhandelsplätze der Welt. Gold wird bereits hierzulande gelagert. Für Finanzinvestoren könnte eine Geldanlage in physisch gehaltene strategische Metalle attraktiv sein. Dies wäre eine Neuinterpretation der beiden Länder als Hort für Stabilität, Sicherheit und Werterhalt.
Gerald Hosp
Bild: Jason Dent - Unsplash

