Liechtenstein wird von den US-Zöllen stärker belastet als die Schweiz
Die Handelspolitik im Fokus. Trump hatte bereits vor seiner Wiederwahl im November 2024 gesagt, «Zölle» seien sein Lieblingswort. Dass Zollerhöhungen kommen würden, war deshalb nicht erstaunlich, überraschend waren aber die angewandte Willkür und die Höhe der Zollsätze. Am 2. April präsentierte Trump in alttestamentarischer Manier Tafeln mit länderspezifischen Zusatzzöllen. Liechtenstein bekam einen Strafzoll von 39 Prozent aufgebrummt, mehr als die Schweiz, die mit 31 Prozent «davonkam» - und dies, obwohl Liechtenstein mit der Schweiz in einer Zollunion ist. Tage später suspendierten die USA die Regelung für eine gewisse Zeit und erhoben stattdessen einen zusätzlichen «Basiszoll» von 10 Prozent.
Dann kam Ende Juli der Zollhammer für die Schweiz: ein Zusatzzoll von 39 Prozent! Liechtensteiner Güter wiederum wurden mit einem Zoll von «nur» 15 Prozent belegt. Die Gründe für diese amerikanische Entscheidung waren schleierhaft, der Aufruhr in der Schweiz war gross. Zur Erlösung kam es im November: Die USA kündigten an, den länderspezifischen Zusatzzoll für die Schweiz und für Liechtenstein auf maximal 15 Prozent zu begrenzen. Gleichzeitig sind aber noch sektorspezifische Zölle in Kraft, was bedeutet, dass für bestimmte Güter der Zoll über die 15 Prozent gehen kann. Zudem gibt es Ausnahmen vom Pauschalzoll. Heerscharen von Handelsbürokraten und -analysten sowie Unternehmen drehen Extrarunden, um den amerikanischen Pirouetten zu folgen.
Was bedeutet nun die Regelung mit den USA? War Liechtenstein für kurze Zeit gegenüber der Schweiz gar im Vorteil? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt es sich die effektiven durchschnittlichen Zollsätze für Güterexporte in die USA zu betrachten. Effektiv bedeutet: Die tatsächlich bezahlten Zölle werden ins Verhältnis zum Wert der importierten Güter gesetzt. Dies ergibt den effektiven Zollsatz. Das Ergebnis ist eindeutig und überraschend: Liechtenstein als Volkswirtschaft hat 2025 durchgehend einen höheren effektiven Zollsatz als die Schweiz bezahlt. Selbst im August, als die Schweiz mit 39 Prozent bestraft worden war, betrug der effektive Zollsatz für die Schweiz 7,3 Prozent, für Liechtenstein aber gar 19,5 Prozent. Die verwendeten Zahlen stammen von der amerikanischen Behörde US International Trade Commission. Wegen der Stilllegung der US-Verwaltung im Haushaltsstreit reichen die Daten nur bis August.
Die Erklärung für den Unterschied liegt in der Struktur der Exporte. Die bereits bestehenden Ausnahmen von den US-Zusatzzöllen – darunter Pharmazeutika, bestimmte Chemikalien, Gold und Kaffee – blieben unverändert in Kraft. Währenddessen erhöhten die USA seit März die Importzölle für Stahl- und Aluminiumprodukte sowie für Autos und Fahrzeugteile, die auch trotz der Vereinbarung mit Liechtenstein und der Schweiz bestehen bleiben. Kurz gesagt: Die Schweiz exportiert zu einem grossen Teil weiterhin Pharmaprodukte und Chemikalien mit einem geringen oder gar keinem Zoll, während die Liechtensteiner Exporte vergleichsweise stark vom Maschinenbau und von Metallprodukten geprägt werden. Das macht den Unterschied aus.
Diese einfache Gegenüberstellung lässt mehrere Schlüsse zu:
- Wie Zölle wirken, hängt nicht nur von der Höhe ab, sondern auch von der Wirtschaftsstruktur des Exportlandes. Liechtensteins Wirtschaft wird von den US-Zöllen stärker belastet als die Schweizer Wirtschaft.
- Die einzelnen Liechtensteiner Unternehmen haben aber gegenüber ihren unmittelbaren Mitbewerbern in der Schweiz (und in den EU-Ländern) keinen Nachteil. Die Verhandlungen im Rahmen der Zollunion haben zu einem Ergebnis geführt, das vorläufig für etwas Ruhe sorgt. Aber: Der Zollsatz ist deutlich höher als vor der zweiten Trump-Ära. Und: Die Verhandlungen für ein formales Abkommen laufen noch; es könnte zu einer neuen Wende in der Zoll-Saga kommen. Für Schweizer und Liechtensteiner Exporteure kommt noch der starke Franken hinzu.
- So sinnvoll es ist, gemeinsam mit der Schweiz in Washington zu verhandeln, so einseitig können die von den USA gewährten Ausnahmen zugunsten Schweizer Unternehmen oder für die Schweiz wichtiger Branchen ausfallen.
- Liechtenstein hat auch zugestimmt, Investitionen Liechtensteiner Unternehmen in den USA zu ermutigen und zu erleichtern. 300 Millionen Franken in fünf Jahren sollen es sein. Im Handelsabkommen mit Indien steht ebenso ein Investitionsversprechen. Das sind neue Töne bei Handelsverhandlungen. Exportstarke Länder müssen im Ausland investieren, politischer Druck als Grund für Investitionen ist jedoch nicht der wirtschaftlichen Weisheit letzter Schluss.
Interessant wird es, die Handelszahlen für das gesamte Jahr 2025 auszuwerten, wenn sie veröffentlicht werden. Eines steht aber jetzt schon fest: Auch 2026 werden willkürliche Wendungen eine Konstante in der Handelspolitik bleiben.
Gerald Hosp

