Grafik des Monats: Freie Fahrt für den Erdölpreis
Ein historischer Vergleich zeigt jedoch, dass das derzeitige Preisniveau zwar hoch, aber gar nicht so ungewöhnlich ist. Wenn die realen, also um die allgemeine Inflationsrate bereinigten Treibstoffpreise betrachtet werden, sieht die Entwicklung selbst der vergangenen 50 Jahre wenig dramatisch aus. Zudem sind die Realeinkommen über die Jahrzehnte gestiegen. Die gegenwärtigen Treibstoffpreise sind mit denen während der Finanzkrise 2008 und dem Jahr 2012 vergleichbar, als es bereits eine Krise um das iranische Atomprogramm gegeben hatte. Die Erdölpreisschocks in den 1970er Jahren sowie die russische Grossinvasion der Ukraine führten zu höheren realen Preisen.
Dies ist jedoch ein geringer Trost, wenn jemand aufs Auto mit Verbrennungsmotor angewiesen ist. Die politische Sprengkraft liegt weniger in der Höhe des Preises als in der Schnelligkeit, mit der Benzin und Diesel teurer geworden sind. Die Nachfrage nach Treibstoffen reagiert üblicherweise zunächst träge auf Preisveränderungen: Es gibt ein paar ältere Studien für die Schweiz, die zeigen, dass die Nachfrage kurzfristig um ein bis drei Prozent sinkt, wenn der Treibstoffpreis um zehn Prozent steigt. Der Rückgang ist also mässig. In Schweizer Grenzregionen nimmt laut Studien aber der Tanktourismus zu. Fazit: Man achtet auf den Preis, aufs Autofahren verzichtet man aber nicht.
Das politische Aushebeln von Preissignalen ist aber falsch. Mehr als 25 Länder haben seit Beginn des Iran-Kriegs durch Förderungen von fossilen Treibstoffen Massnahmen eingeführt, um Autofahrer zu entlasten. Im Jahr 2023 betrugen die weltweiten direkten Subventionen bereits rund 600 Milliarden Dollar. Eine unfassbare Zahl; dabei sind die Umweltkosten nicht eingerechnet. Höhere Preise senken die Nachfrage, vor allem auf längere Frist. So sind Autos seit den Erdölschocks effizienter geworden, mit einem Liter Benzin oder Diesel kann man heutzutage länger als früher fahren. Mit dem Elektrofahrzeug gibt es zudem eine valable Alternative. Andere Energiequellen werden durch hohe Erdöl- und Erdgaspreise attraktiver. So schossen in der Energiekrise vor vier Jahren die Installationen von Photovoltaikanlagen in Liechtenstein und anderswo in die Höhe.
Der Text ist als Kolumne in «Wirtschaft regional» am 10.4.2026 erschienen.

