Ein Viertel der Wirtschaftstätigkeit besteht aus Überzeugungsarbeit
Andere für sich zu gewinnen, ist ein wichtiger Bestandteil vieler Beziehungen: Verkäuferinnen überzeugen Käufer, Chefs ihre Mitarbeiterinnen, Startups ihre Geldgeber, Influencer ihre Follower, Politikerinnen ihre Wählerschaft, Think-Tanks die Politiker und die Allgemeinheit. Die Ökonomen Deirdre McCloskey und Arjo Klamer haben vor dreissig Jahren eine waghalsige Rechnung aufgestellt: Mit einer Handgelenk-mal-Pi-Methode schätzten sie, dass ein Viertel der amerikanischen Wirtschaftsleistung aus Überzeugungsarbeit besteht. Der Wert kletterte in einer Berechnung für das Jahr 2013 auf ein Drittel. McCloskey und Klamer nennen bereits 1995 den «ungeheuerlichen» Donald Trump als Beispiel eines Überzeugungstäters. Für die Rechnung haben die Ökonomen einzelne Beschäftigungskategorien in den Vereinigten Staaten herangezogen und diese mit einem Gewicht versehen, das der geschätzten Zeit entsprechen soll, die bei der Tätigkeit mit Überzeugung verbracht wird. Zu den Branchen mit einem hohen Anteil an Überzeugungsarbeit zählen neben den Medien und der Kommunikationsbranche der Kulturbereich, Schulen, Universitäten und Erwachsenenbildung sowie Unternehmensberatungen.
Wenn die einfache Methode auf Liechtenstein angewendet wird, ergibt sich für 2024 ein Wert von knapp 27 Prozent. Die Schätzung ist eher konservativ, denn die interne und externe Kommunikation dürfte auch in Industriebetrieben zugenommen haben, Diesen wird jedoch ein sehr geringes Gewicht für die Überzeugungsarbeit zugeordnet. Zudem hat die Anzahl der Kommunikationskanäle wie die sozialen Netzwerke zugenommen, die teilweise ausserhalb der Arbeitszeit betrieben werden. Auch aus dem Ausland wird Überzeugungsarbeit betrieben, die aber nicht in den Wert einfliesst.
Und wie sieht es mit den Medien aus? Im Wirtschaftsbereich Verlagswesen, audiovisuelle Medien und Rundfunk arbeiten gerade einmal 0,26 Prozent aller Beschäftigen in Liechtenstein: Medien sind ein wirtschaftlicher Zwerg; auch innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Überzeugungsarbeit. Der Anteil ist gar gesunken: Im Jahr 2008 betrug der Anteil an der Gesamtbeschäftigung noch 0,4 Prozent. Eine kleinere Schar an Journalistinnen und Journalisten steht einer wachsenden Gruppe an Einflüsterern gegenüber. Vielleicht ist der Journalismus produktiver geworden, die Zahl zeigt aber die ungleichen Verhältnisse auf.
Professioneller Journalismus und vertrauenswürdige Medienmarken sind jedoch wichtig, um eine Schneise in den Informationsdschungel zu schlagen. Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft stellt für die Schweiz fest, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung keine oder kaum journalistische Medien nutzen, um sich zu informieren – mit negativen Folgen für das Wissen über gesellschaftliche und politische Themen. Dies macht Platz für alle möglichen Informationsquellen. Denn Überzeugungsarbeitet findet ohnehin statt, so oder so.
Gerald Hosp

