Ein Jahr nach unserer Medienstudie
Es ist gewissermassen ironisch, aber gerade die Mediendiskussion hält sich in Liechtenstein nicht an einen klassischen Nachrichtenzyklus. Das Verstummen von Radio Liechtenstein hat zwar zu einem Aufschrei geführt, die Debatte um die Medienlandschaft ist aber schon vor ihrem Höhepunkt anästhesiert worden. Die politischen Parteien machen, zumindest öffentlich, einen Bogen um das Thema. Es stellt sich die Frage: Was nun?
Die Mediendiskussion ging dennoch, wenn auch etwas im Verborgenen, weiter. Zukunft.li hat im Oktober vergangenen Jahres die Studie «Journalismus im Kleinstaat» mit vier Empfehlungen veröffentlicht. Wie ist es diesen in der Zwischenzeit ergangen?
1. Ein nationaler Schulterschluss privater Geldgeber: Zukunft.li schlug eine «Stiftung für Medienvielfalt» vor, finanziert von privaten Gönnern. Diese Stiftung sollte zunächst eine breite, inländische Trägerschaft für das «Vaterland» gewährleisten, das derzeit zur Vaterländischen Union gehört, und das Vertrauen in das Medium verstärken. Die Stiftung Lebenswertes Liechtenstein knüpft an die Studie an und will als Geburtshelferin für eine parteiunabhängige Medienstiftung für das «Vaterland» und möglicherweise andere Medien wirken. Die Bestrebungen dazu sind bereits weit vorangeschritten.
2. Demokratische Medienförderung statt Bürokratie: Bei diesem Modell verteilt die Bevölkerung und nicht eine Bürokratie die Fördersumme auf die einzelnen Medienunternehmen. Dadurch verringert sich der politische Einfluss. Ein radikaler Vorschlag, der aber noch nicht weiterverfolgt wurde.
3. Förderung von Wettbewerb und Innovation: Das Medienförderungsgesetz sieht eine Anschubfinanzierung für Jungmedien vor. Fünf Projekte sind bereits angetreten. Eines wurde abgelehnt mit juristischen Folgen, zwei werden noch geprüft, zwei wurden angenommen. Davon steht eines, die Online-Plattform Lie24.li, jedoch vor dem finanziellen Aus, auch weil die Auszahlung eines Teils der Fördergelder von der Regierung zurückgehalten wird. Dies wird mit noch nicht erreichten Zwischenzielen und unklaren Aussichten begründet. Ein Grundproblem hierbei ist, dass Verwaltungslogik auf Bedürfnisse und Probleme von Jungunternehmen trifft. Der Vorschlag von Zukunft.li: Um den Prozess unabhängiger und effektiver zu gestalten, sollten eine Fachjury mit internationaler Erfahrung und zwingend private Geldgeber einbezogen werden, die «geduldiges» Geld mit Sachverstand mitbringen.
4. Eine Dialog-Plattform: Über eine Online-Plattform soll der gesellschaftliche Austausch von Informationen und die Behördenkommunikation vereinfacht (und verbilligt) werden. Die Plattform soll keine Konkurrenz zu journalistischen Medien sein, sondern «modernes» Amtsblatt und Vehikel für Vereine und andere sein, garniert mit einem Online-Forum. Im Regierungsprogramm steht, dass ein «Service-public-Angebot» eingerichtet werden soll. Was dies bedeutet, ist noch offen. Die Dialog-Plattform wäre ein Vorschlag dafür. Ansonsten führt die Studie die Vor- und Nachteile weiterer Medienmodelle für Liechtenstein auf.
Das vergangene Jahr hat noch drei weitere Erkenntnisse gebracht:
1. Die «Demokratie-Falle»: Aus staatspolitischer Sicht es unbestritten, dass Medien eine wichtige Rolle für demokratische Prozesse ausüben. Dies ist der Grund für Medienförderung. Die einzelnen Medien jedoch sollten sich nicht nur als Bannerträger der Demokratie sehen und bereits ihre Existenz als Rechtfertigung für Fördergelder betrachten. Vielmehr sollte der Nutzen für die Leserschaft im Vordergrund stehen; und nicht nur, wie Förderauflagen erfüllt werden können.
2. Die «Qualitäts-Falle»: Journalistische Qualität einzufordern, ist natürlich medienpolitisch und aus Sicht der Leserschaft richtig. Die Ansprüche können aber auch kontraproduktiv sein. Wenn beispielsweise gefordert wird, dass die Medienförderung an eine formale Journalistenausbildung gebunden ist, heisst dies in einem kleinen Markt wie Liechtenstein eine Verknappung des Journalistenangebots (sorry für den Ökonomen-Slang). Gerade der Journalismus lebt auch von Quereinsteigern und Enthusiasten sowie von Sachkenntnissen ausserhalb des Journalismus. Besser wäre ein privates oder öffentliches Angebot an Coaching für Qualität, Weiterbildung in neuen journalistischen Formen und Innovationen sowie an Praktika.
3. Die «Medien-Falle»: So wichtig (traditionelle) Medien sind, so sehr sind sie nur ein Teil eines grösseren Informationsraums. Dieser besteht auch aus persönlichen Gesprächen, den Inhalten von Kultur- und Bildungsorganisationen, Vorträgen und Veranstaltungen, Podcasts, Blogs, den sozialen Medien, ausländischen Medien etc. Nicht nur die Rahmenbedingungen für Medien sind von Bedeutung. Vielmehr muss man sich die Frage stellen, wie sich eine Gesellschaft informiert. Die Digitalisierung ist dabei die grösste Herausforderung.
Gerald Hosp
Bild: Unsplash – Vanilla Bear Films

