Die Magie Liechtensteins
Der Bus stoppt schliesslich in der Fürst-Franz-Josef-Strasse, die Massen ergiessen sich aus dem Gefährt. Es beginnt zu Fuss der Aufstieg zur Schlosswiese, wo der Staatsakt stattfindet. Die Leute sind guter Stimmung, Wortfetzen in Deutsch, aber auch in Italienisch, Französisch, Englisch und in einigen anderen Sprachen, schwirren herum.
Es ist mein erster Staatsakt auf der Schlosswiese, das Wetter ist prächtig, in Österreich würde man von einem Kaiserwetter sprechen, die Sonne ist kräftig, man fächelt sich Luft und Patriotismus zu. Staatsakt – dies klingt etwas technokratisch-bombastisch, der Begriff wird dem Anlass nicht gerecht. Einem ungeübten Beobachter erscheint der Staatsakt wie eine Mischung aus traditionsreicher Prozession, grossem Picknick und fröhlicher Feldmesse.
Landtagspräsident Manfred Kaufmann vergleicht treffend die Form Liechtensteins mit einer Flamme (der Erkenntnis?). Für ein besonderes Schlaglicht sorgt die Ankündigung von Erbprinz Alois, dass zukünftig auch weibliche Nachkommen den Fürstenthron besteigen können. Applaus brandet auf. Der Staatsfeiertag kommt ohne Pathos, Militärparaden wie anderswo oder grosse Gesten aus – es sind vielmehr die vielen kleinen Gesten, die ihn ausmachen.
Laut einem Medienbericht könnten rund 3400 Personen am Staatsakt teilgenommen haben. Dies wären acht Prozent der Wohnbevölkerung des Landes, eine unglaubliche Zahl. Auch wenn darunter manche Gäste und Schaulustige waren, der Zusammenhalt im kleinen Land ist gross. Selbstbestimmung beruht auch auf Selbstgewissheit und Selbstvergewisserung. Der Staatsfeiertag belegt dies.
Der englische Publizist Walter Bagehot schrieb im 19. Jahrhundert von der Notwendigkeit, eine Monarchie mit einem Hauch von Geheimnis oder Entrücktheit zu umgeben: «Wir dürfen kein Tageslicht auf die Magie fallen lassen.» Im Falle Liechtensteins mit den beiden Souveränen Fürstenhaus und Volk bedarf es neben der Magie aber auch der Unmittelbarkeit, weil es wegen der Machtbefugnisse politische Spannungen geben kann. Entrücktheit wäre hier verkehrt.
Ein Erfolgsfaktor des Landes ist das hohe Vertrauen in die Institutionen des Landes. Der jüngste «Lie-Barometer» des Liechtenstein-Instituts zeigt die Beständigkeit des Vertrauens über die Zeit auf. Glaubwürdige politische Institutionen wie Fürstenhaus, Regierung und Landtag, direkte Bürgerbeteiligung, Stabilität und wirtschaftlicher Erfolg bedingen sich gegenseitig und verstärken sich. Auch deshalb ist der Staatsakt mehr als Folklore, und auch deshalb ist der Andrang im Bus und auf der Schlosswiese so gross.
Gerald Hosp
Bild: Zukunft.li

