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17. Oktober 2025

Die Kultur des Wachstums

Künstliche Intelligenz bestimmt bereits, welche menschliche Intelligenz einen Preis verdient. Zumindest indirekt. Den diesjährigen Nobelpreis für die Wirtschaftswissenschaften haben die Ökonomen Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt dafür erhalten, dass sie dem Zusammenhang zwischen stetigem Wachstum und neuen Technologien nachspüren. Es ist offensichtlich, dass dies für die Diskussion um künstliche Intelligenz wichtig ist. Joel Mokyr sticht dabei hervor, weil er Wirtschaftshistoriker ist und vor allem mit Worten argumentiert und nicht mit mathematischen Modellen, wie sonst üblich in der akademischen Ökonomie.

Ein Blick in die Geschichte lohnt sich: Bis ins 18. Jahrhundert herrschte weltweit wirtschaftliche Stagnation vor, obwohl es auch in der damaligen Zeit durchaus bahnbrechende Erfindungen und Innovationen gegeben hatte. Erst die industrielle Revolution führte zu anhaltendem Wachstum. Warum kurbelte nun technologischer Fortschritt gerade zu dieser Zeit den Wohlstand an? Mokyr spricht davon, dass nützliches Wissen für Wachstum notwendig ist. Es ist zunächst wichtig zu wissen, warum etwas funktioniert. Ausserdem ist praktisches Wissen darüber vonnöten, was notwendig ist, damit etwas funktioniert.

In den zwei Jahrhunderten vor der industriellen Revolution ist laut Mokyr dieser naturwissenschaftliche, intellektuelle Nährboden in England für die Entfesselung der Wirtschaftskräfte gelegt worden. Denker wie Francis Bacon und Isaac Newton bereiteten die Grundlage für eine fortschrittsorientierte Weltanschauung vor, für eine Kultur des Wachstums. Wissenschaft und deren praktische Umsetzung wurden so zur Basis für den Wohlstand der westlichen Länder. Zudem muss eine Gesellschaft offen für Neues sein. Denn neue Technologien führen nicht nur zu Gewinnern, sondern auch zu Verlierern, die sich gegen Neuerungen zur Wehr setzen.

Die Theorie klingt einleuchtend, doch kann sie auch belegt werden? Vier Ökonomen haben 173 301 in England zwischen 1500 und 1900 gedruckte Bücher ausgewertet: Ab dem 17. Jahrhundert kamen in wissenschaftlichen Texten vermehrt fortschrittsorientierte Begriffe vor. Die Kultur des Wachstums etablierte sich. Wenn man eine ähnliche Analyse auf unsere Zeit anwendet, zeigt sich eine Kultur der Sorge. So zeigen Daten des Google-Ngram-Projekts, das auf Millionen digitalisierter Bücher seit dem Jahr 1500 beruht, dass in deutschsprachigen Büchern die Häufigkeit von Begriffen wie Fortschritt und Zukunft seit Mitte der 1980er Jahre stark abnimmt, die Nennung von Bedrohung, Sorgen und Risiko nimmt hingegen zu. Der Sorgen-Trend gilt auch bei englischsprachigen Büchern, ab Mitte der 1990er Jahr legt bei diesen jedoch die Häufigkeit von Fortschritts- und Zukunftsbegriffen wieder zu. Technologieskepsis und Bedenkenträgerei sind nicht nur in deutschsprachigen Ländern vorhanden, dafür aber ausgeprägt. Wachstum beginnt eben auch in den Köpfen.

 

Gerald Hosp


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