Das begehrte Stück vom Kuchen
Zukunft.li hat es wiederholt thematisiert: Die Hauptakteure der demografischen Herausforderung der nächsten 30 Jahre leben bereits heute. Wir steuern auf eine Situation zu, in der im Jahr 2060 rund doppelt so viele Menschen über 65 Jahre alt sein werden wie 2015; die Zahl der über 80-Jährigen dürfte sich nahezu verdreifachen. Gleichzeitig gibt es kaum Grund zur Annahme, dass technologischer Fortschritt die Gesundheits- und Pflegekosten spürbar senken wird. Zu lange haben wir Lösungen vertagt, als dass neue Modelle – z. B. ein vererbbares Pflegekapital – in den nächsten Jahrzehnten noch eine nennenswerte Entlastung für die erwerbstätige Bevölkerung bringen könnten.
Staatsreserven für die Teil- oder Anschubfinanzierung künftiger Pflege und Betreuung zu reservieren, wäre ein starkes Zeichen strategischer Vorsorge. Kritiker mögen einwenden, dass es dafür keine formale Separierung des Vermögens brauche; man könne die Mittel bei Bedarf einsetzen. Unser Gegenargument dazu: Der Ansatz verändert die Denkhaltung und erhöht den Druck zu handeln.
Anstatt weiter abzuwarten, wird eine konkrete, verbindliche Massnahme gesetzt. Hätte man in den 1950er-Jahren die AHV über den ordentlichen Staatshaushalt abgewickelt – das wäre auch möglich gewesen –, wer weiss, wo wir heute stünden. Vor allem aber wird die Politik dazu gezwungen, der Herausforderung ein offizielles Preisschild zu geben. Zukunft.li hatte 2017 in einer Studie zur Finanzierung von Pflege und Betreuung die Grössenordnungen bereits aufgezeigt – sie sind enorm.
Ein solcher Ansatz würde dem Ursprung der Reserven gerecht und Stabilität für ein wichtiges Thema schaffen, ohne den heutigen Handlungsspielraum einzuschränken oder neue Verpflichtungen einzuführen. Er wäre generationengerecht, weil Reserven für diejenigen Altersgruppen eingesetzt werden, in deren Aktivzeit sie entstanden sind. Nachfolgende Generationen würden weniger durch Versäumnisse in der Vergangenheit belastet. Vor allem aber würde er ein klares Signal senden, dass Verantwortung nicht an der Gegenwart endet, sondern auch die Zukunft mitdenkt.
Thomas Lorenz
Der Text ist am 9. Januar 2026 in «Wirtschaft regional» erschienen.
Bild: Leonard Reese - Unsplash

